06.11.2019

Fachtag: Jung, männlich, geflüchtet

„Was machen Sie, wenn Sie fünf Jungs sehen, die zusammengerottet an der Bushaltestelle stehen und die dabei auch noch laut sind? Ich gebe Ihnen die Antwort: Die meisten wechseln vermutlich die Straßenseite. Und umso wahrscheinlicher, wenn es sich dabei auch noch um Personen handelt, die einen Migrationshintergrund haben“. Dieses und andere Beispiele gab Olaf Jantz, um zu verdeutlich, welche Vorurteile und Klischees es über geflüchtete männliche Jugendliche beziehungsweise junge Männer gibt. Der Diplom-Pädagoge aus Hannover referierte als Experte beim Fachtag zum Thema „Männliche Geflüchtete - Rollenerwartungen und -konflikte“, zu dem die städtische Integrationsbeauftragte Zeliha Yetik und des Jugendamt Fachkräfte der Sozialen Arbeit, der Ausländerbehörde, des Jobcenters und Lehrer aller Schulformen eingeladen hatte. 
 
In seiner Begrüßungsansprache verdeutlichte Sozialdezernent Harald Filip, warum das Thema auch vier Jahre nach 2015, als die meisten Flüchtlinge nach Deutschland kamen, noch aktuell ist und sich nach wie vor eine inhaltliche Auseinandersetzung lohnt: „Flucht ist überwiegend männlich. Die meisten Menschen, die zu uns gekommen sind, sind Männer. Und davon ist der überwiegende Teil jünger als 30 Jahre alt.“ Junge Männer beziehungsweise männliche Jugendliche fielen in verschiedenen Bereichen wie Kriminalität, Drogenkonsum und Schulleistungen oft negativer als Mädchen auf; das sei bei Deutschen aber nicht anders. Filip: „Vor dem Hintergrund von Flucht und damit einhergehenden Traumata verschärft sich diese Situation.“ Darauf müssten Fachkräfte reagieren können.
 
Einfache Antworten, Methoden und Maßnahmen, wie mit Männern beziehungsweise männlichen Jugendlichen umzugehen ist, gibt es nicht. Das ist eine der Kernaussagen von Olaf Jantz, der als Pädagoge, Berater und Geschäftsführer von mannigfaltig e.V. selbst Praxiserfahrung vorweisen kann. „Wichtiger als jede Methode ist, welche Haltung Fachkräfte haben“, lautet sein Statement. Zudem plädierte Jantz dafür, statt einer Maßnahmenorientierung die persönliche Lebensorientierung und realen Teilhabechancen der Zielgruppe mehr in den Fokus pädagogischen Handels zu nehmen. „Was Jungs brauchen ist, dass ihnen jemand zuhört und ihnen zur Seite steht.“ Gerade Männer und Jungs mit Flüchtlings- beziehungsweise Migrationshintergrund brauchen das Gefühl, dass sie gehört werden und Unterstützung erfahren, weil sie auch oft rassistische Erfahrungen machen. Zudem benötigen sie Raum, um sich unabhängig von jeglicher pädagogischer Beaufsichtigung frei entfalten zu können. Auch in einer sich selbstüberlassenen Gruppe von jungen Geflüchteten, so die Erfahrung von Jantz, entstünden positive Effekte.
 
Für diese Offenheit plädiert auch die Diplom-Psychologin Katrin Aydeniz, die ebenfalls als Referentin Impulse gab, wie Fachkräfte sich im Umgang mit geflüchteten Männern und Jungs eine offene, neugierige und zugewandte Haltung bewahren beziehungsweise aneignen können. „Das wichtigste ist, dass wir nicht dichtmachen, auch wenn es schwierig ist. Vielmehr sollten wir in Kontakt treten und als Mensch authentisch sein“, lautet ein Appel von ihr. Dies sei gerade für Menschen wichtig, die durch Traumata eine verlässliche Bindungsperson benötigen. Sie machte deutlich, dass diese Art der Empathie - Aydeniz nennt es Mentalisierungsfähigkeit - nicht nur eine Frage des eigenen Charakters ist, sondern durchaus erlernt werden kann. So habe sie selbst gute Erfahrungen mit Supervisionsgruppen für Lehrer gemacht. „Dadurch ist in Schulen eine ganz andere Kultur des Miteinanders entstanden, sowohl im Umgang mit den jungen Menschen als auch bei den Lehrern untereinander.“
 
Die Erkenntnis, dass die Haltung und Kommunikation einen viel stärkeren Wirkungsfaktor darstellt als Techniken, Maßnahmen und sonstige Rahmenbedingungen, machte in aller Deutlichkeit bewusst, welche große Verantwortung die Fachkräfte tragen und wie wichtig - neben all den Förderangeboten - die Unterstützung ihrer Arbeit ist.
 
Sozialamt
Stadt Ratingen
Zuständiges Amt

 

Pressereferentin

Ulrike Trimborn 

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